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Wo Wanderherden die Landschaft formen

Oeversee, den 18.09.2006


Selten kommen Landwirtschaft und Naturschutz in dem Maße zusammen wie in der „Oberen Treenelandschaft“. Seit sechs Jahren wird südlich von Flensburg das einzigartige Naturschutzgroßprojekt Deutschlands entwickelt. Vornehmlich Tiere sollen hier eine naturnahe Landschaft formen, die der Treene-Region auch touristisch zum Durchbruch verhelfen soll.

Sie wandern umher und fressen die Jungbäume und Sträucher weg – die vielen Moorschnucken und einige Ziegen in den Fröruper Bergen südlich von Flensburg. Wenn die 500 Tiere der Wanderschäfer Stefan Bargmann (39) und Angela Kleinmann (29) hier weiden, dann tun sie das im Sinne des Naturschutzes: Heidegebiete bleiben so auf natürliche Weise erhalten.

Die Wanderherde ist „nur ein Baustein“ eines einzigartigen Naturschutzgroßprojektes im Norden: die „Obere Treenelandschaft“. Geprägt wurde sie durch Gletschervorstöße während der Eiszeit vor 12000 Jahren: Aufgeschobenen Hügel, Schwemmflächen und Schmelzwasserrinnen sind noch heute in der Landschaft zu erahnen, in der sich Heide- und Moorflächen sowie Wälder und Grünland abwechseln.

Dabei wird es nicht bleiben: Noch mehr Tiere sollen die Natur formen. „Hier werden einmal weitere Herden – vor allem Rinder und einige Pferde – für eine parkähnliche Landschaft sorgen“, erklärt Thorsten Roos (41), Geschäftsführer des Naturschutzvereins Obere Treenelandschaft mit Sitz in Oeversee bei Flensburg. Der Verein ist Träger des gleichnamigen Großprojektes: Das 2000 Hektar umfassende Kerngebiet ist eines von derzeit 28 Großvorhaben in Deutschland. Gefördert wird es mit gut zehn Millionen Euro von Bund, Land und der „Kurt und Erika Schrobach-Stiftung“ mit Sitz in Kiel.

Und wie könnte eine parkähnliche Weidelandschaft einmal aussehen? „Nicht so kleinzellig wie heute“, erklärt Roos. Künftig seien auch große Gebiete von 100 Hektar eingezäunt. Die Tiere grasen dann in einem Areal, in dem sich neben Weiden auch Wälder und Moore befinden.

Seit dem Jahr 2000 wird die „Obere Treenelandschaft“ entwickelt. Als Manager des Naturschutzgroßprojektes stehen die Agraringenieurin Britta Gottburg (34) und die Biologin Dr. Wiebke Sach (43) mit den Landwirten in der Region im Gespräch. Das Ziel: „Flächen zu sichern“, erklärt Britta Gottburg. Ackerflächen werden aufgekauft und zu Weideflächen umgeformt. „Alles geschieht freiwillig“, ergänzt Werner Heydorn (68), Vorsitzender des Vereins, der sich auch als Schnittstelle zwischen den Landwirten der Region und den Behörden sieht. „Hier wird niemandem der Naturschutz übergestülpt“.

Mehr noch: Viele Bauern hätten bereits erkannt, dass die naturnahe Kulturlandschaft durchaus Gewinn abwerfen kann. Indem beispielsweise Fleisch vom „Treene-Rind“ oder von den Moorschnucken als Produkt aus der Region und aus tiergerechter Erzeugung vermarktet wird. „Wir wollen kein Qualitäts-, sondern ein Herkunftssiegel“, sagt Vereinsgeschäftsührer Roos.

Inzwischen werde auch versucht, den Tourismus mit ins Boot zu holen. Zusammen mit dem Förderverein Mittlere Treene in Eggebek (Kreis Schleswig-Flensburg) wird mit dem Erholungswert der naturnahen Kulturlandschaft geworben. Zwar nehmen jährlich bereits 5000 bis 6000 Gäste die aktiven Angebote der Vereine wahr – „dennoch gehört diese Region ein bisschen zu den vergessenen Flecken in dem Land zwischen den Meeren“, meint Roos.

Dabei haben sowohl die Obere wie auch die Mittlere Treenelandschaft über die reine Natur hinaus viel Historisches zu bieten: zum Beispiel das Danewerk zwischen Hollingstedt und Haithabu. Die früh- bis hochmittelalterliche Befestigungsanlage der Dänen ist das größte Bauwerk dieser Art in Nordeuropa. „Noch Ende des Jahres wird der parallel verlaufende ‚Thorshammerweg’ für Radfahrer und Wanderer freigegeben“, erklärt Greta Lassen (66), Vorsitzende des Fördervereins Mittlere Treene. Und bei Munkwolstrup südlich von Flensburg kann das größte rekonstruierte Steinzeitgrab Nordeuropas bestaunt werden. Nicht zuletzt durchzogen der Ochsenweg und der Stapelholmer Weg die Region – alte Trassen, deren Fragmente mancherorts heute noch in der neu gestalteten Treenelandschaft entdeckt werden können.